Als Synonym für den Bologna-Prozess hat der ECTS-Punkt im Moment keine leichte Zeit. Aber was steckt wirklich hinter diesen vier Buchstaben?
Auf Wiens Straßen jagen dem armen schwarzen Punkt riesige Pacman-Figuren hinterher, im Standard muss er sich von Robert Pfaller als Zeichen für „Verschulung und Bürokratisierung“ bezeichnen lassen. Brauchen tut ihn trotzdem ein jeder Student. Die fünf wichtigsten Fragen und Antworten zu ECTS:
Grammatikalisch korrekt müsste es in der Frage heißen, wer denn „dieses“ ECTS sei. ECTS ist nämlich ein System zur Anrechnung von akademischen Studienleistungen. Europaweit wird dieses System von über 1000 Universitäten verwendet. Es soll sicherstellen, dass die Leistungen von Studenten an Hochschulen des Europäischen Hochschulraumes vergleichbar sind. Außerdem soll es den Wechsel innerhalb europäischer Hochschulen leichter machen, indem man diese Leistungen auch grenzüberschreitend anrechnet.
Indem man einen ganz komplizierten vollen Namen hat. ECTS steht für „European Credit Transfer System“.
Die Initiative zur Vereinheitlichung des bestehenden europäischen Hochschulbetriebs geht auf eine gemeinsame Erklärung der Bildungsminister der damals vier größten Mitgliedsländer der Europäischen Union im Jahr 1998 zurück (Sorbonne-Erklärung). Frankreich, Deutschland, Italien und das Vereinigte Königreich wollten also schon vor mehr als zehn Jahren ein Kreditpunktesystem erlassen, um die studentische Mobilität zu forcieren. Die wirkliche Mutter des Kindes ECTS stammt aber aus Italien und nennt sich Bologna. Die so genannte „Bologna-Erklärung“ aus dem Jahr 1999 wurde von 29 europäischen Bildungsministern unterzeichnet und nennt als eines der Ziele „die Einführung eines Leistungspunktesystems, des 'European Credit Transfer System (ECTS)'“. Mittlerweile (Stand: Jänner 2010) nehmen 46 Staaten am Bologna-Prozess teil.
Ein ECTS-Punkt, oder Credit Point (CP), misst den „Arbeitsaufwand“ eines Studierenden. Pro Studienjahr nimmt man einen Gesamtaufwand von 1500 bis 1800 Stunden an (in Österreich ist das „akademische Jahr“ mit 1500 Stunden gesetzlich festgeschrieben). Dieser Gesamtaufwand wird mit 60 CP ausgewiesen. Der Arbeitsaufwand für ein Semester im ECTS beträgt also 30 CP. Ein Leistungspunkt ist daher 25 bis 30 Arbeitsstunden schwer.
Im österreichischen Studiensystem werden Lehrveranstaltungen in Semesterwochenstunden gerechnet. Eine zweistündige Lehrveranstaltung sieht zwei Stunden Unterricht pro Woche für die Dauer eines Semesters (durchschnittlich 15 Wochen) vor. Im Gegensatz zum ECTS wird also bei diesem System die Dauer der Lehrveranstaltung aus der Sicht des Lehrenden gemessen.
Die Kritik am ECTS-System ist vielfältig und intensiv. Das verpflichtende Punkte-Sammeln würde einen enormen bürokratischen Mehraufwand bedeuten und das Forschen auf den Universitäten immer mehr durch pure Lehre ersetzt werden, sagen die Gegner. Das Bologna-Abkommen wird um eine Anpassung, um eine Erweiterung nicht herumkommen. Wann und in welchem Ausmaß das passieren wird, steht in den bildungspolitischen Sternen.
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