Wie einem schon beim Organisieren die Lust vergehen kann und warum man trotzdem ins Ausland gehen soll. Plädoyer einer Verreisenden.
Der Flug ist schon gebucht. 12. Februar 2010 steht im E-Mail der Fluggesellschaft. Jetzt wird es also ernst: Reiseziel: St. Petersburg, Russland. Mit diesen ersten Konstanten kann die Organisation losgehen – eine Herausforderung, wie sich noch herausstellen wird.
Dabei war ursprünglich ein anderes Reiseziel geplant. Ein Studienkollege und ich wollten um jeden Preis ein Semester in der französischen Hauptstadt verbringen. Baguette, Croissant und O là là... Leider gab es bereits hier ein Problem: Auslandsemester werden nur an Partnerhochschulen anerkannt. Für unseren Studiengang waren das zum Beispiel Norwegen, Russland, Schweiz, Deutschland, Kroatien - aber kein Frankreich. Da unsere zweite Fremdsprache Russisch ist, war die Entscheidung nicht schwierig zu treffen.
Nun haben wir uns also bei Maroni und Sturm für Wodka und Blini entschieden – unwissend, welche Konsequenzen diese Entscheidung mit sich bringen würde. Denn Mütterchen Russland ist bekannt für seinen Bürokratie-Hürdenlauf. Studenten aus einem Nicht-EU-Land müssen ein Visum beantragen und eine Auslandskrankenversicherung abschließen. Ohne diese essentiellen Scheine kann man schon am Flughafen umdrehen. Hinzu kommen drei Bewerbungen und zwei Motivationsschreiben: an die Studiengangs-Koordinatorin für Auslandsemester, an das Büro „Internationale Beziehungen“ der FH und natürlich eine Bewerbung für die Universität in St. Petersburg. Bis wir dann die richtigen Kurse mit den entsprechenden ECTS-Punkten recherchiert hatten, leuchteten schon die Weihnachtslichter am Grazer Hauptplatz.
Glühwein tröstet auch nicht über die größte Papierflut hinweg. Dazu kommt der Preis für den überteuerten Russisch-Kurs, der noch lange im Magen liegt. Höchste Zeit, nicht nur auf die dicken Kuverts auf den Weihnachtspackerl zu hoffen, sondern auch um ein Stipendium anzusuchen. Vierzehn Seiten später wird uns klar, dass wir in St. Petersburg auch ein Dach über dem Kopf brauchen. Muss man wie ich die Wohnung in Graz mitfinanzieren, kommt man trotz minus zehn Grad leicht ins Schwitzen. Also suchen wir beim Land um Förderungen an, warten vergeblich auf die offizielle Invitation aus Russland, um uns endlich um das Visum bemühen zu können. Und fragen uns, ob das alles ein Ende haben wird.
Doch in wenigen Wochen fängt alles erst richtig an: Vor Ort gilt es Tuberkulosetests zu machen, Studentenausweise zu ergattern, eine ordentliche Internetverbindung aufzutreiben und natürlich ein Telefon zu organisieren.
Ein leeres Konto und viele verlorene Nerven später werden wir dann - mit Matrijoschka und Wodka im Gepäck - die Folie des Flugzeugmenüs zum zweiten Mal abziehen und den Papierkrieg und Pleitegeier schon vergessen haben. Die Entscheidung, ob einem ein Auslandsemester den ganzen Ärger wert ist, muss jeder selbst treffen. Doch jeder, der sich einmal dafür entschieden hat, wird bestätigen, dass sich die Mühe gelohnt hat.
Blank online hat zwei Studenten interviewt, die in Frankreich und Italien ein Auslandsemester absolviert haben. Wo man am besten italienische Flüche lernt, und wie man sich am Pariser Wohnungsmarkt ein Dach über den Kopf leisten kann, lesen Sie in den Artikeln:
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