Bologna - Disneyland der Kommunisten

Bologna, ECTS, Italien, Politik, Portrait, Studium* - By Lydia Bißmann on Monday, March 15, 2010 - 07:50

Um gegen die Bologna-Beschlüsse zu protestieren, gingen Studierende in ganz Österreich auf die Straße und besetzten Hörsäle. Was hat es aber auf sich ehemaligen Partisanenhochburg Bologna, die schon lange vor dem Klimawandel an kostenlose öffentliche Verkehrsmittel dachte?

Der Prozess

Begonnen hat alles 1999, als sich in Bologna 29 europäische Bildungsminister trafen und beschlossen, ein einheitliches europäisches Hochschulwesen zu schaffen. Bis 2010 sollten sich an den europäischen Universitäten nur mehr zukünftige Bachelors, Master und PHDs tummeln, der Stoff in überschaubare ECTS-Punkte aufgeteilt werden und es so für jeden europäischen Studierenden ein Leichtes werden, an allenUnis ohne Probleme zu studieren. Was das Studenten- und Professorenleben vereinfachen und die Studienzeit weniger kompliziert machen sollte, sorgte für großen Unmut. Dieser Unmut gipfelte in Österreich in der Besetzung der Audimax-Hörsäle in Graz und Wien, kurz vor dem Nationalfeiertag letzten Jahres. Arbeitsgruppen wurden gegründet und mehrmals täglich Plena abgehalten. Viele Intellektuelle und Künstler goutierten das Geschehen. „Man sollte Bologna den Prozess machen“, forderte zum Beispiel der Philosoph Konrad Paul Liessmann. Die 68er-Bewegung, die in den letzten beiden Jahren Jubiläum feierte, schien ein großes Comeback zu erleben. Was dabei etwas sonderbar anmutet?Dass Bologna -nun Namensgeberin für eine ungeliebte Veränderung - dunkelrote Wurzeln hat.

„La rossa“ - die Rote

Bologna hat den Beinamen „la rossa – die Rote“ nicht nur wegen der roten Häuserziegel sondern noch aus einem anderen Grund. Aber zurück ins Jahr 1999, als der Bologna-Prozess beschlossen wurde. In diesem Jahr ereignete sich noch etwas Historisches. Ein halbes Jahrhundert galt die Hauptstadt der Region Emilia-Romagna als linke Vorzeigeidylle. 50 Jahre lang regierten im „Bologna la rossa“ Kommunisten und ihre Verbündeten und machten aus der Universitätsstadt eine kleine, marxistische Insel der Seeligen. Schon in den Siebzigern fuhren die Busse hier gratis und die Kindergärten galten als die Besten der Welt. Man verdrängte die Autos aus der wunderschönen Altstadt und es entstand ein viel kopiertes Stadtplanungssystem. Umberto Eco, der Verfasser des Bücher „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“ und des weltberühmten Mittelalterromans „Der Name der Rose“ meinte damals, dass man eine Stadt kaum besser regieren könnte. Bologna war schon immer anders und meistens den anderen voraus. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entsteht hier Europas erste Universität, "Studio Generale" genannt. "La dotta", heißt die Stadt seither, "die Gelehrte". Als die Fanfaren der Französischen Revolution durch die Alte Welt schallen, ist Bologna ganz vorn mit dabei. Allen voran verjagen die Bologneser die österreichische Besatzungsmacht, als es 1848 darum geht, die Ideen bürgerlich demokratischer Freiheiten in die Realität umzusetzen. Nachdem Mussolini 1943 in Rom abgesetzt und von Hitler zum Oberhaupt eines norditalienischen Vasallenstaats gekürt worden war, wurde Bologna zur Hochburg der Partisanen, die gegen Mussolini und Hitlers Wehrmacht kämpften.Und in Bologna wurden kurze Röcke und kurze Hosen getragen, als Rest-Italien dergleichen noch für Teufelszeug hielt.

Der Umsturz

Es mutet fast ironisch an, dass diese sozialistische Idylle von einem ehemaligen Metzger vorerst beendet wurde. Giorgio Guazzaloca von Berlusconis Pol der Freiheit gewann mit 51 Prozent die Wahlen. Aber es dürfte nicht die Attraktivität der Rechten sondern vielmehr das Versagen der Linken Grund für diesen Wahlausgang gewesen sein. In den Siebziger- und Achtzigerjahren stiegen die Mieten gleichzeitig mit der Kriminalitätsrate. Junge Menschen verließen die Universitätsstadt, der Mittelstand rettete sich ins Umland. Die steigenden Mieten trieben viele in die Obdachlosigkeit. „Bologna= Disneyland der KPI“ sprühten die Studierenden aus Unzufriedenheit über die Situation auf die Mauern der Mensa. Der Wirtschaftsboom der Nachkriegsjahre hatte die Stadt zum Blühen gebracht. Die Krisen der folgenden Jahrzehnte ließen die Menschen das Vertrauen in den Sozialismus verlieren und ihr Kreuz unter einer anderen politischen Richtung machen. Keine unbedingt neue Geschichte. Die Frage ist, was ist geblieben aus diesem halben Jahrhundert roter Herrschaft mitten im Westen? Eine wunderschöne Altstadt ohne viel Verkehr und eine immer noch ausgezeichnet durchgeplante Stadt. Wie in diesem Jahr Istanbul, Pecs und Essen ist sie 2000 zur Kulturhauptstadt ernannt worden. Sechs Jahre später, 2006, wurde sie von der UNESCO zur Stadt der Musik ernannt.

Bologna heute

Inzwischen hat die Linke den Bürgermeister wieder, Sergio Cofferati, von den Linksdemokraten (ital.: Democratici di Sinistra, DS) regiert seit 2004 die Stadt. Im englischen Wikipedia Artikel über ihn wird erwähnt, dass er den vorwiegend von Pakistani betriebenen „Deli-shops“ verbot nach 21 UhrAlkohol zu verkaufen. Um die Wirtschaft anzukurbeln, wie er meinte. Es ist für Bologna besser, wenn die über 30 Prozent Studenten ihr Bier für 4,50 Euro im Wirtshaus kaufen, als für einen Euro auf der Straße.

Picture by Paolo Màrgari

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