EDITORIAL

Hörsaal Europa

Wir sind jung! Wir sind mobil! Wir sind frei! – Die Diskussionen rund um "unibrennt" haben aufgezeigt, wie weit der bildungspolitische Traum vom einheitlichen europäischen Hochschulraum von der studentischen Wirklichkeit entfernt liegt.

Daheim brennen die Unis, Studierende protestieren gegen den Bologna-Prozess und seine Auswirkungen. Zeitgleich verbringen viele ihrer Studienkollegen ein Semster im Ausland und genießen damit die durch Bologna verbesserte Mobilität. Das Auslandssemester erfreut sich großer Beliebtheit, wie Statistiken des Austauschprogramms Erasmus belegen: 50.000 österreichische HochschülerInnen haben seit dem Jahr 1992/1993 ein Auslandssemester an einer europäischen Uni absolviert. Quelle: Die Presse

Die Politik will noch mobilere Studenten und auch Wirtschaftsbosse suchen in den Lebensläufen ihrer Bewerber nach interkultureller Kompetenz, Sprachkenntnissen und damit Auslandsaufenthalten. Doch so einfach, wie sich das mancher Minister oder Personalmanager vorstellt, verhält es sich mit der Mobilität in der Realität nicht.

Warum Konrad Paul Liessmann fordert, Bologna den Prozess zu machen, erklären Lydia Bißmann und Katharina Hudelist in „Bologna – Disneyland der Kommunisten“.

Sebastian Bauer zeigt, dass man nicht erst weit verreisen muss, um auf Probleme zu stoßen: Denn unser Nachbarland Italien fordert, was auch Mütterchen Russland von ihren Auslandsstudierenden erwartet: Gute Nerven als Rüstzeug im Papierkrieg und vor allem eine dicke Brieftasche. Zu lesen in: „Teuer und wertvoll: ein Semester Toskana“.

Aber nicht nur Bürokratie und Geldsorgen bringen manche Studenten zum Verzweifeln. In Paris, einer der beliebtesten Destinationen für Studenten, stellt sich besonders die Wohnungssuche als ein Glücksspiel heraus. Erschwert wird die Suche durch mangelnde Sprachkenntnisse: Denn auch nach mehr als vier Jahren Französisch im Gymnasium und an der FH, heißt das noch lange nicht, dass man sich verständigen kann. So verwandelt sich eine harmlose Frage nach dem Weg schnell zur Gretchenfrage an sich selbst: Ist mir ein Auslandsemester überhaupt die Mühe wert? Lesen Sie dazu von Daniela Neubacher die beiden Geschichten „Auslandsemster, nein danke?“ und „Ein Sprung ins kalte Wasser der Seine“.

Über Punkte, die die Welt bedeuten – jedenfalls, die eines braven Studenten – lesen Sie im Artikel „ECTS – Jeder braucht es, kaum einer will es!“. Darin geht Markus Zottler dem Sinn des European Credit Transfer System auf den Grund und erklärt, wie ein System die Leistungen aller europäischen Studenten vergleichbar machen soll.

„Nein!“ – sagte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bei einer Pressekonferenz letzten November in Wien – nämlich nein zur Idee, für deutsche Studierende in Österreich Geld an die Universitäten zu zahlen. Stichwort: Ausgleichszahlungen.

Warum Österreich zurzeit nicht kann, was Schweden und Norwegen schon lange können, und warum sogar Skandinavien nicht perfekt ist, erklärt Maresa Mayer in „Studierst du noch oder zahlst du schon?“.

Viel Spaß beim Lesen!

Die blank-online Redaktion

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