Möchte man sich in ein fremdes Netzwerk einloggen, braucht es vor allem eines. Ungesicherte Zugänge. Ob Graz über genügend öffentliche Verbindungen verfügt? blank ging der Sache nach ...
Graz soll flächendeckend mit WLAN versorgt werden. „Wozu?“ denkt man sich, es gibt doch sicher genügend Netzwerke, die dem einsamen Stadtwanderer offen und ungeschützt zur Verfügung stehen. In den letzten Jahren war oft davon zu lesen und zu hören, dass viele User ihr WLAN nicht absichern. Warum sollte sich das geändert haben? Also kurzum die Probe aufs Exempel machen: Wie sieht die aktuelle Netzversorgung rund um die Grazer Innenstadt aus?
Es ist kurz vor halb zwölf Uhr nachts, als sich zwei unerschrockene Wardriver auf den Weg machen, um eine Mission zu erfüllen: Über 3,5 Kilometer soll die Strecke führen, bei der es gilt, möglichst oft und durchgehend mit dem Hauptquartier (namentlich unsere liebe und gar nicht militante Chefredaktion) Kontakt über das Internet aufrecht zu erhalten.
Die Nacht ist klar, kalt und ruhig. Wir klappen unser Notebook auf und starten den Rechner. Die ersten Signale versprechen viel: Neun Netzwerke werden sofort erkannt, doch nur die Technische Universität bietet einen Zugang via VPN (virtuelles, privates Netzwerk) an. Alle anderen Netze sind vorbildlich gesperrt.
Kein guter Start. Aber die Mission hat begonnen, ein Zurück ist undenkbar. Mein Kamerad und ich schultern die Ausrüstung und machen uns auf, unseren Auftrag zu erfüllen. Wir setzen uns in Bewegung und nach zirka 200 Metern glauben wir, ein Altenheim in der Nähe aufgespürt zu haben. Unser Computer zeigt nämlich sichtlich erregt eine neue Verbindung namens „Gruft“ an. Leider war das etwas zu vorschnell gedacht, ein Altenheim gibt es weit und breit nicht, anscheinend handelt es sich eher um ein Netzwerk lichtscheuer Nachtmenschen. Doch Spekulationen helfen hier nicht weiter, auch dieses Netz ist gesperrt und ein Zugriff somit nicht möglich.
Auf zum nächsten Wegpunkt: das Glacis, eine breite Straße, die längs durch die Stadt führt. Sie grenzt auf der einen Straßenseite an den Stadtpark, der zwar ein hübscher Ort zum Ausspannen ist, aber als „wardriver“ gönnt man sich nicht so schnell eine Pause. Wir haben es mehr auf die lange Häuserzeile abgesehen, die die Straße säumt. Doch auch hier: Fehlanzeige! Auf über 700 Metern finden sich zwar 18 Netzwerke, aber wie schon zu Beginn der Tour sind alle abgesichert. Ein Zugriff wäre wohl nur mit profunder technischer Kenntnis möglich.
Plötzlich ein Lichtblick, unser Hauptquartier meldet sich bei uns. Auf dem Bildschirm sehen wir die leuchtenden Buchstaben klar und deutlich: Das Netzwerk Hauptquartier ist in Reichweite. Doch zu unserem Entsetzen ist der Zugang auch hier gesperrt. Hat man uns im Stich gelassen? Spontan fallen mir Sprüche wie „Wenn Sie erwischt werden, leugnen wir, Sie je gekannt zu haben“ und ähnliche ein. Panik macht sich breit. Ein Kilometer ist bereits abgespult und immer noch sind wir ohne brauchbares Resultat. An der nächsten Ecke das nächste (verschlüsselte, seufz) Netzwerk: „Magnum“. Handelt es sich hierbei gar um unseren Verbindungsmann? Doch auch diese Frage findet keine Antwort.
Die nächste Teilstrecke führt uns über den Campus der Universität. Neun Zugänge werden vom Rechner erkannt, den Rest kann man sich denken. Es ist mittlerweile halb eins in der Früh und Resignation macht sich breit. Zeit für eine erste Pause und ein Resümee. Zigarette in den Mund, Red Bull in die Hand und Lagebesprechung. Die User scheinen ihre Hausaufgaben gemacht zu haben, keiner lässt sein Netzwerk unversperrt. Doch wir erhalten einen Tipp: Die ÖVP hat am Karmeliterplatz einen offenen Hotspot installiert. Nachdem der Platz auf unserer Route liegt, packen wir wieder das ganze Equipment ein und marschieren weiter.
Wir passieren die Bundespolizeidirektion und die Verlockung ist groß. Hat die Polizei ein ungesichertes Netzwerk? Die Antwort ist kurz und präzise: Sie hat gar kein Funknetz.
Um Viertel nach eins haben wir endlich den Karmeliterplatz erreicht. Einige Nachtschwärmer flanieren über die weite, teilbegrünte Fläche. Wir klappen mit vorsichtiger Erwartungshaltung das Notebook auf und siehe da: Wir sind im Netz. Und die Verbindung ist vorbildlich. Ein Geschwindigkeitstest zeigt: 25 MBit.
Na bitte, also doch noch. Rasch überprüfen wir, ob der Zugang im wahrsten Sinne des Wortes frei ist, oder ob manche Seiten nicht aufrufbar sind. Zur Probe tippen wir die Internetadresse einer jener Seiten ein, für die das Internet angeblich erfunden wurde. Aber als brav-bürgerliche Partei will die ÖVP mit so einem „Schmuddel-Content“ nichts zu tun haben, wir werden einfach von der Seite ausgesperrt.
Nach diesem ersten Teilerfolg wollen wir es nun wissen und denken scharf über unsere Grundausbildung nach. Zum Verbindungsaufbau sollte ein möglichst hoch gelegener Ort aufgesucht werden. Nun gut, dann also rauf auf den Schlossberg, über 120 Höhenmeter in wenigen Minuten. Die Lunge pfeift, die Füße werden träge, das Alter schlägt unbarmherzig zu. Aber es hat sich gelohnt, denn mit Blick über die schlafende Stadt finden sich zwölf Netzwerke - und eines ist offen. Das Netzwerk der Stadt Graz erreicht zwar nur ein Achtel der Leistung des Netzes auf dem Karmeliterplatz, ist aber immer noch ausreichend schnell.
Wir steigen wieder den Berg hinab und entdecken, was wir nicht mehr zu hoffen wagten – ein offenes, privates Netzwerk. Der Wardrive findet also noch ein versöhnliches Ende, wenngleich es nun zwei Uhr morgens ist und unsere Finger längst klamm vor Kälte sind. Zeit, den letzten Wegpunkt zu erreichen: den Grazer Hauptplatz.

Das Netzwerk ist erwartungsgemäß dasselbe wie vorhin am Schloßberg, die Verbindungsgeschwindigkeit vor Ort ist nur marginal höher. Wir klappen unseren Laptop zu und stellen fest: Auf 3,5 Kilometern um die Innenstadt gab es zwar eine flächendeckende Versorgung mit Funknetzwerken, doch nur drei waren für alle offen. Will man sich also nicht auf unachtsame Mitbürger verlassen, ist es wirklich angebracht, Graz flächendeckend mit WLAN zu versorgen – was ja Gott sei Dank für die Zukunft geplant ist.
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